Genießen in Maßen statt in Massen

Dr. rer. nat. Rainer Lutz, Marburg

Zusammenfassung

Genießen tut gut, schafft Wohlbefinden und ist der Inbegriff vom lustvollen Leben. Den Geschmack und Geruch einer reifen Erdbeere und wie sie sich anfühlt vermitteln uns die angesprochenen Sinne. Diese sind an jedweder positiven Emotion beteiligt. Sollen Kinder Spaß, Freude und Genuss erleben, müssen sie lernen, ihre Sinne einzusetzen. Spontan nutzen Kinder in ganz unbefangener Weise ihre Sinne, wollen alles anfassen oder in den Mund nehmen und machen dabei zunächst keinen Unterschied zwischen einem Regenwurm und einem Brötchen. So werden Sinne im Spiel und in einer Umgebung voller Reize gefordert und differenziert. Mütter und Väter sollten, wann immer es möglich ist, ihren Kindern Gelegenheit zu sinnlicher Erfahrung geben und nur verbieten oder einengen, wenn es gefährlich wird. In der Natur, z.B. im Garten oder im Wald, sind die Voraussetzungen dafür günstig, in einer städtischen Umgebung müssen vielleicht spezielle Arrangements getroffen und Gelegenheiten geschaffen werden (Wo liegt der nächste Park, Spiel- oder Bolzplatz, wo ein geschützter Hinterhof, eine Halle zum Toben, welche Verkehrsverbindung führt aus der Stadt etc.?). Alle traditionellen Formen des Spiels - Bewegungsspiele, aber auch Singen oder Basteln – fördern die sinnliche Differenzierungsfähigkeit.

Unser Kopf sagt uns, womit wir bisher gute Erfahrung gemacht haben und wie wir die besten Genüsse finden können. Wie sieht eine reife Erdbeere aus, wie riecht sie, wie fühlt sich eine nicht so gute Erdbeere an und wann schmecken Erdbeeren am besten? Die köstlichsten Erdbeeren werden im Freiland im Frühsommer gepflückt, wenn die Zeit der saftigsten Orangen vorbei ist. Auf die sollte man jetzt verzichten, genau so, wie man in unseren Breiten im Winter ein Verlangen auf Erdbeeren auf einen späteren Zeitpunkt vertagen sollte. Ein solcher Verzicht garantiert den höchsten Genuss. Insofern ist angesichts von Überfluss ein zeitlich begrenzter  Bedürfnisaufschub durchaus angesagt. Genuss ist also klar von Konsum abzugrenzen: Konsum führt zur schnellen und lustvollen Befriedigung eines (geweckten) Bedürfnisses. Genuss führt zum Auswählen unter all den schönen und verlockenden Dingen – nicht um sich einzuschränken, sondern um den Lustgewinn zu erhöhen.

Unversehens kann es zu einer Inflation der Genüsse kommen, wenn z.B. ein Menü besonders gut gelungen ist oder bei einem Umtrunk das Bier besonders frisch schmeckt. Solange dies auf bestimmte Situationen beschränkt bleibt, wird keine Waage und auch keine Leber protestieren. Werden aber Genussgüter z.B. vor dem Fernseher regelmäßig und in hohen Mengen konsumiert, dann sollten Alarmglocken schrillen. Erwachsene können in diesem Punkt nicht das von ihren Kindern erwarten, was sie selber nicht einhalten. Sie stehen aber in der Verantwortung – für sich wie für ihre Kinder. Diese sind in sehr hohem Ausmaß gefährdet: Übergewicht, Diabetes, Fettstoffwechselerkrankungen etc. bei Kindern nehmen zu, wenn die Bewegung fehlt.